Brustpanzer

Die Verwendung von Brustpanzern hat sich über den Lauf der Zeit verändert. Damals waren sie bei den Römern, den Gladiatoren und sicherlich auch bei den Rittern beliebt und irgendwie wohl auch lebensrettend. Bestimmt waren sie damals auch so eine Art Statussymbol. Nicht jeder konnte sie sich leisten.

Heute tragen beispielsweise Downhill-Radler, Paintball-Extremisten, Eishockeyspieler und Motorradfahrer eigens für ihre Bedürfnisse entwickelte Modelle.

Und ein Teil der Sportlerinnen, die einen sogenannten „high support“ benötigen (weil sie bewegungsintensive Sportarten, wie beispielsweise Reiten, Tennis oder eben Laufen, ausüben) tragen ebenfalls so eine Art Brustpanzer. Nur der Name lautet in diesem Fall etwas anders, hier nennt man es Sport-BH.

Rein optisch scheinen die Brustpanzer-Modelle der einzelnen Sparten nicht allzu viel miteinander zu tun zu haben. Ich kann Euch jedoch versichern, dass der Eindruck zu täuschen vermag und einige „aktuelle“ Sport-BHs den Tragekomfort der alten Gladiatoren-Modelle wohl kaum übertreffen.

Wenn man einer Umfrage der Runner’s World trauen kann, tragen nur 34 Prozent der Läuferinnen einen Sport-BH. Das entspricht gerundet nur einem Drittel der Läuferinnen. Ihr seht mich ratlos…

 

nur ein Drittel der Läuferinnen trägt einen Sport-BH drunter

 

Was ist mit den anderen zwei Dritteln? Liebes Umfage-Team der Runner’s World, sollte jemand von Euch hierauf eine Antwort haben, bitte, bitte, lasst es mich wissen. Tragen die anderen zwei Drittel einen „normalen“ BH zum Laufen? Gar keinen BH zum Laufen? Ein Brustpanzer-Modell aus der Vorzeit?

Unabhängig von der wissenschaftlichen Frage, ob das Brustgewebe schadlos das bei bewegungsintensiven Sportarten übliche ungehemmte dauernde Auf- und Niedergehüpfe der Weichteile über die Jahre übersteht, finde ich es einfach unangenehm, wenn eine Körperpartie bei meinem Lieblingssport selbsttätig das macht, was sie will. Bzw. einfach nur ungebremst das, was sie nach den Gesetzen der Schwerkraft muss.

Obenrum untendrunter etwas dafür geeignetes zu tragen ist deshalb für uns ein MUSS!

Die ersten Sport-BHs trug ich zum Reiten. Das war tatsächlich noch im letzten Jahrtausend. Und genau so habe ich sie in Erinnerung. Sie hatten mit Klettband verstellbare Träger. Die so wunderbar gescheuert haben, dass dicke Striemen fast jeden Donnerstag meine Schultern und meinen Rücken zierten. Und gekratzt haben die Dinger….

Und was ist heute? Heute sind wir deutlich fortschrittlicher. Und unsere Sport-BHs auch.

Echt jetzt? Ohne Scheiß? Ein Teil der Leserinnen kennt die Antwort schon….

Ich habe zwei Sorten von Sport-BHs in meiner Schublade. Teure vom selbsternannten „Markenartikler“ und welche vom Discounter. Gerade sind erst wieder zwei neue dazugekommen.

Die Teuren Büstenhalter liegen zwischen 60 und 70 €. Und können wahrscheinlich sportlich fliegen, zumindest suggeriert das der Name des Herstellers.

Der Unterschied zwischen den beiden Preisklassen des Markenartikels liegt im Komfort des Anziehens. Das BH-Modell für 70 € hat vorne einen Reißverschluss. Damit lässt er sich kinderleicht anziehen, weil er vorne zu schließen ist und nicht mühevoll über den Kopf und die spätestens seit dieser Aktion leicht schweißfeucht gewordenen Schultern gewürgt werden muss. Um zu verhindern, dass sich dieser Reißverschluss während des Lieblingssports unwillkürlich öffnet, hat man in er ersten Zeit einen zusätzlichen Verschlusshaken angebracht, bei den späteren Modellen zwei.

Reißverschluss und Verschlusshaken sind selbstverständlich durch eine Blende vor dem Körperkontakt geschützt. Bzw. anders herum, der Körper vor dem Kontakt mit Reißverschluss und Haken (das rechte Modell habe ich „links“ herum fotografiert. Hier sieht man die Blende, hinter der Reißverschluss und Haken versteckt sind).

 

Erfahrung Falke Sport BH mit Reißverschluss zum Laufen Erfahrung Falke Sport BH mit Reißverschluss zum Laufen (FALKE VERSATILITY MAXIMUM SUPPORT BRA TOP)

 

Das mit 60 € „günstigere“ BH-Modell – hier mal nicht in freundlichem schwarz, sondern in den hübschen Farbvarianten des Meeres – zieht man einfach über den Kopf. Habe ich „einfach“ gesagt?

 

Erfahrung Falke Sport BH zum Laufen

 

Stimmt natürlich nicht. Das Anziehen dieser Bustiers hat so einen Anflug von Geburtsvorgang. Man – also natürlich Frau – quetscht sich mit dem Kopf zuerst durch ein enges, sehr enges, noch engeres Irgendwas. Wenn ich so mittendrin im Anziehen stecke, die Schultern schon „durch“ sind und sich eine dicke, unnachgiebige Rolle direkt unterhalb meiner Achseln gebildet hat, die es gilt, irgendwie wieder zu entrollen (was sich auf dem Rücken nicht gerade einfach gestaltet) und an ihren Platz zu bugsieren, dann packt mich wahlweise die Wut und ich überlege, diese Scheißdinger endlich mal zu entsorgen oder ich muss lachen, wenn ich bei dieser Aktion einen Blick in den Spiegel werfe und sehe, zu welchen Verrenkungen ich fähig bin.

Beim Ausziehen ergibt sich ein ähnliches Bild. Voller Verzweiflung muss man irgendwie wieder heraus aus diesem Gefängnis… Allerdings ist man nun vollends nassgeschwitzt, was die Angelegenheit nicht gerade erleichtert. Gelegentlich war ich schon kurz davor, um Hilfe zu rufen….

Das Material dieser Sport-BHs – bestimmt hat sich der Hersteller bei der Wahl des Stoffes etwas gedacht – fasst sich etwa so an, wie bei einer Skihose. Die etwas rauer sein muss, damit man auf seinem Hintern nicht ungebremst über den Schnee in die Felsspalte rodelt, wenn es einen von den Brettern haut.

Nach dem Waschen behält das hochwertige und doppelt ausgeführte Material seine oberflächlichen Eigenschaften bei, wird also keinesfalls weicher, kuscheliger, anschmiegsamer. Allein durch den Zwang der „Enge“ legt es sich um den Körper, statt einfach steil und eckig abzustehen.

Wenn man es geschafft hat, diese Sport-BHs anzuziehen, sehen sie tatsächlich ziemlich gut aus. Zumindest auf den Artikelbildern. Doch irgendwie ist Optik ja nicht alles. Denn eigentlich trägt man so einen Sport-BH ja „drunter“. Wo doch die Trageeigenschaften im Vordergrund stehen sollten?

Vorab sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass wir drei mit Dolly Buster oder Sophia Wollersheim oberkörperseitig nicht allzuviel Ähnlichkeit aufweisen. Ich sage extra „oberkörperseitig“, „obenrum“ wäre für die eine oder andere möglicherweise eine Beleidigung….

Ganz sicher müssen die Hersteller bei Haltekonstruktionen für diese nachträglich im OP angebrachten, gebirgeartigen Auswüchse andere physikalische Gesichtspunkte beachten. Sport-BHs für sportlich schlanke Frauen, die Konfektionsgrößen zwischen 36 und 38 tragen (wie man ja auf den vielen Bildern auch sehen kann) sollten doch irgendwie die Markenartikelhersteller nicht vor unlösbare Probleme stellen, da die physikalischen Anforderungen wohl doch eher als gemäßigt zu bezeichnen sind.

Ich habe in der Schule in einigen (natürlich nur wenigen) Fächern nicht ganz so aufgepasst, aber ich glaube, das Thema würde in den Aufgabenbereich von Herrn Erhard (Physiklehrer) fallen. Wir haben also das Aufeinandertreffen verschiedener Materialien und „Zustände“ und die Einwirkung von Zeit.

Sprich: Rauen Stoff, weiche, immer schwitziger und dadurch empfindlicher werdende Haut, Reibung, Bewegung. Und das über ein Zeitfenster von einer, von zwei oder zweieinhalb Stunden. Mir fällt sofort auf, dass irgend etwas in dieser Gleichung nicht so ganz optimal klingt….. und bleibe bei der Beschreibung des Stoffes hängen…

So sehe ich nach einem langen Lauf mit einem dieser Dinger (Sport BH für die hohe Beanspruchung!) auch ziemlich malerisch aus. Quietschrote Stellen, scheinbar wahllos über den Oberkörper verteilt, garniert mit teils aufgescheuerten (dort, wo die Blende hinter dem Reißverschluss natürlich verrutscht ist) Bereichen. Die sich mit der Zeit vermehren, da durchs Waschen und die Benutzung irgendwas ungutes passiert.

 

Erfahrung Falke Sport BH (Bra Top) mit Reißverschluss zum Laufen

 

Lieber Hersteller, ich gehe mal davon aus, dass einzig und alleine die 5 von mir gekauften Modelle diese Problematiken aufweisen und alle anderen von Ihnen verkauften Sport-BHs ganz toll sind.

Lange dachte ich, wenn schon die Modelle vom Markenartikelhersteller (und sie machen ehrlich ganz tolle Laufsocken für die gepeinigten Läuferinnenfüße) so viel Potential aufweisen, dann können die billigen Sport-BHs vom Discounter schon gar nix sein.

Doch das ist ein Irrglaube!

In regelmäßigen Abständen gibt es bei unserem örtlichen Lidl Sport-BHs (Crivit) in Bustierform auch für die „hohe Belastung“. Die kosten dann so um die 8 €. Oder 7 €.

 

Erfahrung Crivit bzw. Lidl Sport BH "high support" zum Laufen

 

Diese beiden Sport-BH-Modelle aus meiner Wäscheschublade sind sogar zu wenden, also quasi inside-out zu tragen.

Was bekommt man für ein Zehntel oder etwas mehr als ein Zehntel des Preises des Markenartiklers?

Ehrlich: Lidl (Crivit) macht einen wirklich geilen Sport-BH. Weicher Stoff. Gut versäuberte Nähte ohne scheuernde Stellen. KEINE eingenähten Schilder. Guter Halt, ohne die unterschwellige Angst, zerquetscht zu werden. Und ohne alles einfach ultraflach an den Körper zu pressen.

Gerade wieder habe ich mir zwei neue Modelle „gegönnt“. Diesmal in freundlichem schwarz mit korallefarbigem Einfassband.

Beim An- und Ausziehen (ja, auch nach einem langen Lauf) rutscht der weiche, glatte Stoff gut über die Haut, ohne Verrenkungen. Ohne Platzangst. Und ohne die Angst, sich durch lautes Rufen aus einer Zwangslage befreien lassen zu müssen.

Beim Lieblingssport bleibt alles gut an seinem Platz, ohne zu fest an den Rest des Körpers gequetscht zu sein. Nix stört, nix kratzt, nix tut weh.

Und nach dem Ausziehen sieht die Haut eben aus wie schwitzige Haut und nicht wie eine Landkarte.

Mama trägt übrigens mit Begeisterung die Sport-BH-Modelle von Aldi.

Was mir bei der ganzen Sache nicht so ganz behagt ist, mir vorzustellen, wie die Herstellungsbedingungen von Textilien sind, die im Laden für 8,– € verkauft werden. Davon gehören dem Staat ja schon mal gute 1,50 € an Mehrwertsteuern. Dazu kommen Materialeinkauf, Transport, Verkaufskosten, Unternehmensgewinn und so weiter. Da bleibt für die Arbeitsbedingungen der Näherinnen nicht allzu viel übrig. Also Entgelt, Soziales und Produktionsort. Der Stuhl, auf dem sie sitzen. Die Luft, die sie atmen. Das Dach, unter dem sie arbeiten.

Wenn eine Produktionshalle in Bangladesh einstürzt und sehr viele Textilarbeiter(innen) einfach zerquetscht werden, dann schreien wir hier auf im reichen Deutschland. Doch kaufen tun wir die dort zu diesen unwürdigen Umständen produzierten Dinge trotzdem.

Leider scheint es aber so, dass man nicht davon ausgehen kann, dass die teuren Markenartikel besser hergestellt werden. Also unter besseren Bedingungen für die Menschen und die Umwelt. Einschlägige Reportagen im Fernsehen zeigen immer wieder, dass die teuren Marken quasi von den selben Näherinnen zu den selben Bedingungen produziert werden, wie die billigen.

Hoffen lässt mich, wenn ich auf der Webseite von Lidl lese, dass man sich dort seiner Verantwortung (auch für Mensch und Umwelt) bewusst zu sein scheint und dass faires Handeln zumindest verbal ein Grundsatz ist.

Der Markenartikelhersteller äußert sich zum Thema Produktion, Umwelt und Menschenbild überhaupt nicht auf seiner Webseite (oder ich habe es nicht gefunden?).

Ich persönlich – und ich weiß nicht, wie es bei Euch ist – bin sehr gerne bereit, mehr Geld für ein gutes Produkt auszugeben, wenn ich darauf vertrauen kann, dass ich mich für seine Herstellung nicht schämen muss.

 

 

One thought on “Brustpanzer

  1. Liebe Joggerin, wieder ein „lustiger“ Beitrag zu einem wirklich ernsten Thema. Die Markenhersteller sollten diese Kritik lesen, was aber sicher nicht geschieht. Weiter so!

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