Gedankenübertragung

Als gerade für eine längere Distanz trainierende Läuferinnen befinden wir uns im Spannungsfeld zwischen all den Profis da draußen, die Marathons und Ultramarathons in Rekordzeiten absolvieren. Die hinterher lächeln und noch auf eine Party gehen. Und denjenigen, die eben nicht laufen (und irgendwie deshalb auch kein Maßstab sind).

Über Oliver Sebrantke, den Sieger des diesjährigen swb-Marathons in Bremen meine ich gelesen zu haben, dass er täglich einen Halbmarathon läuft. Neben seinem „normalen“ Leben. Als einen Programmpunkt seines Trainings. Neben den anderen.

Da ziehe ich doch glatt mal mein Stirnband. Einen Hut trage ich persönlich zum Laufen nicht und bin auch selbst noch keinem anderen Läufer mit Hut begegnet. Scheint wohl selten zu sein. Deshalb muss das Stirnband genügen, das man in diesen kälteren Tagen bei Läufern häufiger sieht.

Obwohl der für meine Schnecken-Läufer-Verhältnisse etwas hoch gegriffenen Plan, in 2018 den New-York Halbmarathon zu laufen, von Gudrun stammt, bin ich irgendwie in die Rolle des „Personal-Trainers“ für meine liebe Mitläuferin geraten. So muss ich selbst zwar unter der Verlängerung unserer Laufstrecke leiden, aber immer so tun, als wäre das alles leicht zu schaffen und nur reine Einstellungssache.

Wäre ich doch vom Sternzeichen Zwilling, dann würde mir dieser Spagat sicher leichter fallen. Als Vertreterin eines unpopulären Erdzeichens gelingt mir zwar das „mich plagen“, an der Leichtigkeit muss ich noch deutlich arbeiten ;-))

Ganz klar obliegt mir als Personal-Trainer die Auswahl der Laufstrecke (inklusive moderater Umfangs-Steigerung). Nach welchen Kriterien ich sie auszusuchen habe, ist ansatzweise hier erklärt.

Ich bin auch für das Wetter verantwortlich, nicht so ganz ausdrücklich, aber wenn es schlecht ist, scheine irgendwie ich auch was damit zu tun zu haben. Ich werde nicht nur selbst nass, sondern bin auch noch daran schuld. Oder so ähnlich.

Für den heutigen Lauf habe ich die neue 3-Wasser-Strecke mit kleinen Streckenvariationen angedacht. Könnte auch eine 4-Wasser-Strecke werden, so, wie der Himmel ausschaut. Doch er hält glücklicherweise „dicht“.

Mit kleinen Handzeichen vor geplanten Abbiegungen (mit dem Frauenlinks und Blondinen ist das so eine Sache) dirigiere ich Gudrun entlang der von mir für heute ausgesuchten Strecke.

Lasse sie die Deichtreppen hochsprinten (mache es selbst schnell vor, sie kommt gemächlich hinterher), sage eine Temposteigerung bergauf über den Deich an und setze sie um (sie trabt schneckelig hoch).

Nach ein paar Abzweigungen und einem Stück improvisierten Weges sind wir kurz vor der Gegenwindzone. Ich zeige mich irritiert, da Gudrun noch immer lächeln kann. Zwischen Kilometer 6 und 7 und sie hat noch immer ein fröhliches Lächeln im Gesicht. Es geht voran ;-))

Dann kommt die Gegenwindzone und ich deklariere sie einfach als Trainingspunkt. Als geplante Anstrengungsverschärfung. Glücklicherweise wird Gudruns Aufmerksamkeit auf einen uns entgegenkommenden Läufer gelenkt, der uns freundlich lächelnd grüßt und flotten Schrittes von dannen trabt.

 

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So langsam verschwindet das Lächeln aus Gudruns Gesicht. Ich versuche es mit aufmunternden Worten und Themen, um sie abzulenken.

„Laufen wir noch bis zum See?“ Sie nickt.

 

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Mein Plan sieht insgeheim so aus, dass wir die Runde um den See anders herum laufen, als das letzte Mal, und dass wir kurz vor Ende der See-Runde einfach umdrehen und den gleichen Weg wieder bis zur Abzweigung zurück laufen. Als Strecken-Erweiterung. Und als Gudrun-Streckenrekord.

An einer kleinen Steigung weise ich darauf hin, dass ich darauf verzichte, sie dieses Stück hochsprinten zu lassen. Doch sie lässt sich nicht lumpen und tut es trotzdem. Jetzt schnecke ich hinterher. Und freue mich schon auf ihren Gesichtsausdruck, wenn ich ihr am Ende der Seerunde eröffne, dass wir wieder zurück laufen.

 

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Dann fragt sie unvermittelt die am See ruhenden Enten, warum sie so doof schnattern. Oha, da ist jemand fast am unteren Ende der Läuferlaune angekommen. Ich schweige und versuche, Zuversicht und Fröhlichkeit auszustrahlen. Und auf sie zu übertragen.

 

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Dann kommt mein Moment: „Da kurz vor der Kurve, da siehst Du den hellen Birkenstamm. Was Du noch nicht wusstest, der Grund, warum die Enten geschnattert haben und ich Dich nicht den Hügel hinauf gehetzt habe ist, dass wir an diesem Stamm umdrehen und den See anders herum wieder zurück laufen“. Jetzt ist es heraus.

An ihrer Reaktion merke ich, dass sie wirklich erschöpft ist und dass die Umsetzung meines Plans für heute an der Realität vorbei geht. Egal. Wir drehen also an der Birke nicht um und machen uns auf den Rückweg.

Nun haben wir Rückenwind. Da kommt uns ein Läufer entgegen. An den hellen Knien der dunklen Hose ist erkennbar, dass es der Läufer von vorhin ist. Er lächelt zwar wieder freundlich zur Begrüßung, macht aber insgesamt einen recht desolaten Eindruck. An seinem Laufstil sieht man ihm deutlich die Erschöpfung an. Auch sein Gesicht zeigt, dass er am Ende seiner Kondition angekommen ist.

Ich meine, damit könnte ich Gudrun etwas ablenken und spreche meine Beobachtungen laut aus. Im nächsten Satz sage ich: „Ich halte ja schon meine Klappe, sonst klebst Du mir gleich eine“. Da bleibt sie doch stehen und muss lachen…

„Ja, sagt sie, genau das habe ich gerade gedacht….“ „Ich kann nicht mehr, ich bin fix und fertig“ kommt noch hinterher. „O.k.“ antworte ich im Trainer-Ton „kleine Gehpause. Bis zum Haltestellenschild?“. Auch die Treppe nehmen wir im Schneckentempo. Dann sind es nur noch 2 Kilometer bis nach Hause (ich hoffe, sie ist sich darüber nicht im Klaren), zwei Stücke bergab, eines bergauf.

Im oberen Drittel des Bergaufstücks empfange ich ihre Gedanken: „Ich schaff das nicht, mit New-York“… Und sende gleich zurück: „Du schaffst das. Wir haben noch viel Zeit und Du WILLST das“ Und so weiter. Sage aber nichts. Versuche, so unauffällig wie es geht, schräg versetzt etwas hinter ihr zu bleiben. Nicht, dass sie ihre Gedanken ausspricht. Das wäre jetzt nicht gut.

Zu Hause angekommen stehen 14,5 km auf der Uhr. Ich gehe schnell duschen, damit ich für uns kochen kann. Hey, weiß eigentlich irgendwer, wie weit und anstrengend 14,5 Kilometer sind? Auch im Schneckentempo?

Als ich später ins Wohnzimmer hinke, höre ich, wie Gudrun zu Schatzi sagt: „Ich schaffe das nicht mit New-York. Nancy muss alleine fahren. Ich bin einfach keine Läuferin“.

„So ein Quatsch“, sage ich, „Du schaffst das, wir haben noch viel Zeit“. Und frage, ob es sein kann, dass sie diesen Gedanken im oberen Drittel des letzten Bergaufstücks hatte.

„Ja“ sagt sie. Mehr nicht.

Wenn ich also ihre Gedanken empfangen kann, dann müsste es doch auch umgekehrt klappen. Dass ich ihr positive Motivationsgedanken schicken kann. Also, wenn ich welche hätte.

Tatsächlich tun mir die Gräten weh. Ich spüre jeden einzelnen Knochen. Jeden Muskel. Es zwickt und zwackt. Und aufgrund schlecht sitzender Unterbekleidung habe ich mir einen Wolf gelaufen. Das erste Mal. Wer es nicht aus eigener Erfahrung kennt, die aufgescheuerte Haut brennt höllisch.

Aber ich weiß, die Grenzen gibt es nur im Kopf. Wir schaffen das. Oliver Sebrantke läuft die Halbmarathon-Strecke schließlich jeden Tag. Das habe ich in der Zeitung gelesen.

New York, wir sind auf dem – wenn auch schmerzhaften – Weg ;-))

 

 

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