VO2max oder mitten im Nebel?

Auf der Webseite des Herstellers meiner Trainings-Armfessel heißt es: „Informationen zur VO2max-Berechnung: Die VO2max ist die maximale Sauerstoffaufnahme (in Milliliter), die Sie pro Minute und pro Kilogramm Körpergewicht bei maximaler Leistung verwerten können. Einfach ausgedrückt ist die VO2max ein Gradmesser der Ausdauerleistungsfähigkeit und sollte sich mit verbesserter Fitness erhöhen.“

Da freut es mich doch, dass meine Garmin Forerunner 235 das messen kann und mein tagesaktueller Wert von 42 sogar als „ausgezeichnet“ gilt. Steht dort auf der Webseite.

Leise Zweifel an meiner „ausgezeichneten Fitness“ kommen mir, wenn ich darüber nachdenke, wie viele Läuferinnen vor und wie wenige Läuferinnen nach mir bei den von mir so geliebten Volksläufen die Ziellinie überqueren. Bestimmt haben die Vielen vor mir alle ein „überragend“. Sind ja auch schneller gelaufen. Und nicht alle werden vorher Schmerz- oder Hustenmittel eingenommen haben. Ich bin nun mal eine Lauf-Schnecke.

Die Garmin Connect App (zur Trainings-Armfessel gehörende Android App auf meinem Handy) zeigt ein hübsches Bild:

 

VO2max Ermittlung mit der Garmin Forerunner

 

Die Kurve steigt und suggeriert mir, dass sich meine Leistung verbessert. Training hilft. Und ich glaub’s. Doch warum ist sie beim letzten Lauf gesunken?

Die von der App zur Verfügung gestellte „Hilfe“ hilft mir nicht weiter, außer, dass mir mitgeteilt wird, dass die Berechnungen von Firstbeat ® Technologies Ltd. bereit gestellt werden. Garmin kann also nix dafür ;-))

Ich fange an, darüber nachzudenken, ob sich innerhalb von so kurzer Zeit die Sauerstoffaufnahmefähigkeit meines Körpers von 37 Milliliter pro Minute und pro Kilogramm Körpergewicht tatsächlich auf 43 erhöhen kann? Also innerhalb von drei Wochen und einem Tag?

Kann ich tatsächlich einen drittel Liter Sauerstoff pro Minute mehr in Leistung umsetzen? Oder einfach nur nicht richtig rechnen? Da würde vielleicht mehr Sauerstoff helfen. Also raus an die frische Luft und Laufen. Es ist ziemlich nebelig:

 

VO2max Ermittlung mit der Garmin Forerunner

 

Da fühle ich mich nun als Schaf im Nebel, weil mir der von meinem teuren Spielzeug als absoluter Gradmesser meiner Leistungsfähigkeit gezeigte Wert irgendwie suspekt vorkommt.

Ich sage mir: „Lauf weiter, Sauerstoff hilft“.

 

VO2max Ermittlung mit der Garmin Forerunner 235

 

Auch so ’ne Kurve im Nebel. Allerdings real und zu 100% echt. Ein leerer kleiner Priel, es ist Niedrigwasser. Nicht von „Erstschlag Technologie begrenzt“ berechnet, sondern mit bloßem Auge sichtbar. Was, wenn das mit dem Gradmesser der Leistungsfähigkeit an sich oder aber vielleicht mit den Ergebnissen von „Erstschlag“ nicht so ganz stimmen sollte?

Ich laufe weiter und beschließe, erst einmal den Lauf zu genießen. Und der Sache später auf den Grund zu gehen.

Den Grund seht Ihr übrigens auch hier. Das ist der Grund der Nordsee. Ohne Wasser. Mit Nebel.

 

VO2max Ermittlung mit der Garmin Forerunner 235

Garmin Forerunner 235

Garmin Forerunner 235

 

Und mit Salzwiesen.

 

VO2max Ermittlung mit der Garmin Forerunner 235

 

Ich komme nach 17 Kilometern nach Hause. Die Frisur ist auf Grund der Feuchtigkeit in der Luft (Nebel) im Eimer, die Beine sind müde und das Hirn noch immer nicht schlauer.

Woher will der kleine Schlauberger an meinem Handgelenk so genau wissen, dass ich einen Drittelliter Sauerstoff pro Minute mehr umsetzen kann? Wenn er noch nicht einmal in der Lage ist, zu erkennen, dass die gerade gelaufenen 17 Kilometer einen neuen Rekord darstellen und die ein paar Wochen vorher gelaufenen 15 Kilometer als Rekord ersetzen müssen?

Ab an den Rechner. Firstbeat ist schnell gefunden. Ein finnisches Unternehmen, das nach eigener Angabe als für erstklassiges Fachwissen in Sportwissenschaften weithin bekanntes und international geschätztes Unternehmen gelten will. Und deren wissenschaftliche Korrektheit durch Daten aus mehr als 100.000 Auswertungen aus der Praxis gestützt werden will.

Unter der Überschrift „Wissenschaft“ und der Unter-Überschrift „Fitness-Level (VO2max)“ lese ich dann, dass die VO2max ein entscheidender Faktor für die Leistungskraft sei. Also nicht DER entscheidende Faktor, sondern einer (davon?).

Dieser eine entscheidende Faktor wurde bislang im Labor mittels Atemgasanalyse bei maximalen Belastungstests gemessen. Oder aber mittels festgelegter Testprotokolle ermittelt. Schreiben sie.

Doch diese finnische Firma bedient sich eines eigen entwickelten Computerprogramms zur Ermittlung. Und schreibt, anhand der Geschwindigkeit und der Herzfrequenz die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit PRÄZISE SCHÄTZEN zu können.

Weiter unten im Text lese ich dann, dass der Nutzer – also ich – mittels der VO2max-Einschätzung (also nicht Messung, sondern Einschätzung) meine Trainingseffizienz unter einheitlichen Bedingungen messen können soll.

Binnen 4-10 Wochen optimalen Trainings soll es für Einsteiger möglich sein, den VO2max-Wert um 10-20 % steigern zu können. Wenn bereits ein hoher VO2max-Wert vorhanden ist, sollen Verbesserungen schwieriger zu erzielen sein.

Eine Steigerung von 37 auf 43 könnten einigermaßen präzise geschätzt eine 16%ige Steigerung bedeuten. Innerhalb von drei Wochen und einem Tag. Scheint nach deren Angabe möglich. Wenn ein niedriger VO2max-Wert vorhanden war. Was ist jetzt ein niedriger und was ein hoher Wert?

Wo habe ich noch das Bild vom Schwamm? Kann es gerade nicht finden.

Da der Ausgangswert am 03.11.2016 von 37 nach der Tabelle von Garmin „gut“ ist, bin ich verunsichert. Ist „gut“ jetzt niedrig, mittel oder hoch? Eher doch so „mittel“. Ist eine Steigerung von 16% in drei Wochen und einem Tag möglich, wenn ein mittlerer VO2-max-Wert vorhanden war?

Irgendwie vermisse ich gerade das Bild einer Seegurke. Hätte jetzt irgendwie an diese Stelle gepasst?

Ich google weiter und stoße auf einen Bericht zu einer von Polar (Wettbewerber) beim Institut zur Trainingsoptimierung für Sport und Gesundheit, iQ athletik, in Auftrag gegebenen Studie, ob sich die maximal gemessene Sauerstoffaufnahmefähigkeit von Hochleistungssportlern durch elektronische Verfahren oder durch laktatmessungsbasierte Verfahren ebenso zielsicher ermitteln lässt, wie durch eine Atemgasanalyse. Dabei ergab sich, dass kein statistisch relevanter Zusammenhang bei dem elektronischen Verfahren bzw. ein schwacher Zusammenhang bei dem laktatbasierten Verfahren erkennbar war.

Polar kann ich auf der Webseite von „Erstschlag“ übrigens nicht als Kunde finden ;-)) Könnte das vielleicht einen guten Grund haben?

Im Rahmen dieser Studie soll sich übrigens herausgestellt haben, dass selbst bei herausragenden Profisportlern unter Verwendung eines anerkannten Testverfahrens sehr unterschiedliche VO2max-Werte (hier 52 und 74) vorhanden sind. Daraus wird geschlossen, dass der VO2max-Wert nicht der grundlegend erfolgsbestimmende Faktor sein kann.

Warum finde ich dann bei meiner Garmin App als einzige Leistungsstatistik die zur VO2max?
Das ist doch irgendwie alles für den Gluteus Maximus.

By the way … Kennt jemand ein paar einfache Übungen für einen schönen Apfelpopo? Bitte her damit.

Weitere Artikel zu meinen Erfahrungen mit der Garmin Forerunner 235 findet Ihr hier und hier.

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