Wie bekommt man ein Kamel durchs Nadelöhr?

Oder einen Kreis viereckig? Oder eine unwillige Gudrun dazu, die Laufstrecke zu verlängern?

Nicht leicht. Letzteres aber unabdingbar, wenn wir Gudruns Plan mit dem New York Halbmarathon in die Tat umsetzen möchten.

Unser Januar war diesbezüglich eher mau. Wurde von meinen Viren und „geschrumpften“ Lungen für eine Leistungssteigerung als untauglich erklärt. Mir ging es schlecht und Gudrun dümpelte so neben mir daher….

Doch nun sollte es aufwärts gehen, mit den Außentemperaturen und auch mit der „schaffbaren“ Entfernung. Der Plan in meinem Kopf sieht vor, dass wir jeden Monat unseren langen Wochenendlauf so ungefähr um einen Kilometer steigern wollen. Nicht überfordern. Aber auch nicht stagnieren.

Gudruns lautstark geäußerter Plan sieht vor, dass wir so lange immer wieder 14 Kilometer laufen, bis es uns leicht fällt und dann auf 15 Kilometer steigern. Ich finde meinen Plan besser….

15,75 Kilometer hatte Gudrun neulich schon mal geschafft. Da man sie erfahrungsgemäß nur zu einer Steigerung bringen kann, wenn es unausweichlich scheint, den Rest der Strecke bis nach Hause noch zurückzulegen, musste ein Rundkurs her, schön und abwechslungsreich. Und so, dass der vierbeinige blonde Herr möglichst wenig an der Leine zieht.

Auch taugt eine Strecke mit gleichem Hin- und Rückweg für eine Steigerung mit Gudrun nicht, da sie gerne dazu neigt, einer spontanen Laune folgend, eher umzudrehen, als eigentlich geplant.

Die nächstmögliche schöne Strecke, die obigen Anforderungen genügt, bietet 17 Kilometer. O.k, dachte ich, dass sollte doch zu schaffen sein.

Ich rufe sie also an und bitte sie, ihren Brustgurt zur Pulsmessung einmal mitzubringen (um zu verhindern, dass ich sie mit meinem Plan überfordere). „Ja, klar, mach ich“, sagt sie freundlich.

Und kommt mit den Worten „Oh, ich habe doch glatt meinen Brustgurt vergessen“ und einem entwaffnenden Lächeln auf den Lippen zur Tür herein. Warum nur kann ich das „Vergessen“ nicht so recht glauben?

Dafür glaubt sie mir meine Antwort „17“ und „wir laufen ganz langsam“ auf ihre Frage, „wie weit laufen wir heute“, auch irgendwie nicht. Wir laufen also langsam. Sie ohne Brustgurt und ich ohne funktionierende Pulsmessung, weil diese bei meiner Garmin Forerunner 235 mal wieder tilt.

Nach ein paar hundert Metern ist erst einmal Zwangspause. Made by Deutsche Bahn.

 

Training für den Halbmarathon

 

Offensichtlich haben die beiden gute Laune…

Es geht weiter in Richtung Nordsee. Da ist gerade auflaufend Wasser.

 

Laufen am Südstrand in Wilhelmshaven

Laufen am Südstrand in Wilhelmshaven

Laufen am Südstrand in Wilhelmshaven

 

Damit sie schön langsam läuft, bleibe ich hinter ihr. Und rufe ihr zu: „Wenn Du Dich wunderst, dass ich gleich nicht mehr hinter Dir bin, wir biegen gleich links ab, über den Deich rüber zur Treppe“. „O.K. Ich höre Dich hinter mir“ kommt zurück. Ich biege ab, sie läuft weiter geradeaus….

„Hallo Gudrun. Abbiegen. Links. Jetzt“

„Warum?“

Manches ignoriert man besser. Die Treppe am Deich wieder runter, durchs Törchen – freundlicherweise von einer Dame mit Fahrrad für uns aufgehalten – und zum Banter See. Herrlich, hier waren wir lange nicht.

 

Laufen am Südstrand in Wilhelmshaven

 

Was für ein zauberhafter Februar-Tag. Ein Hauch – ein klitzekleiner – von Frühling liegt schon in der Luft.

Die gerne gestellte Frage: „Wie viel haben wir“ unterbleibt, da Gudrun damit befasst ist, vorherzusehen, ob uns ein Hund entgegenkommt und der blonde Herr an die Leine muss.

 

Laufen am Banter See in Wilhelmshaven

 

Auch am Ende des Banter Sees kommt die Frage noch nicht. Doch auf dem Rückweg, als ihr schwant, dass wir nicht direkt am See zurücklaufen, sondern am Kanal, kommt sie, die Frage: „Wie viel haben wir?“ Und ich entschließe mich kurzerhand zu einer kleinen Mogelei und schummele bei meiner Antwort einfach zwei Kilometer weg….

Glauben tut sie es nicht und ich sage ihr: „Schau doch selbst“ und wackele so mit meiner Pulsuhr in ihre Richtung, dass sie nichts sehen kann.

Im Verlauf der Strecke am Jade-Ems-Kanal entlang wird ihre Laune immer frostiger. Glücklicherweise scheint uns die Sonne ins Gesicht, wir tanken Vitamin D und ich etwas Wärme. Neben mir ist es sehr, sehr eisig.

Eine ihrer Antworten ist: „Ich kotze gleich!!!!“. Dabei habe ich nur gefragt, ob sie ein Energie-Gel möchte. Besser nix sagen.

Wieder mal kann ich ihren Hass deutlich spüren und frage mich, warum sie immer den itzigen Zwilling zu meiner Begleitung zum Laufen mitschickt und den freundlichen zu Hause lässt. Ich würde lieber – wenn ich die Wahl hätte – mit dem freundlichen Zwilling laufen und den doofen zu Hause lassen. Mich fragt ja mal wieder niemand.

Ich lese in ihren Gedanken, dass sie nie wieder mit mir laufen will und dass sie natürlich NICHT mit nach New York kommt. Ich denke zurück, dass ich auch alleine laufen werde und dass ich auch alleine nach New York fahren kann… Ätsch.

Nach ihrer verhassten Treppe biete ich ihr mein einziges Energie-Gel an (das andere hatte ein Loch und hat bei einem unserer letzten Läufe meinen schönen hellblauen Laufrock und die Weste mit klebrigen Flecken versehen), was sie dankbar annimmt. Ein Lächeln ist dennoch nicht möglich.

Sie erwähnt die Anstrengung und die verhärteten Muskeln in den Beinen… Und glaubt mir meine Streckenangabe irgendwie nicht. Aber irgendwie auch doch.

Es geht noch zwei Mal bergab und einmal bergauf, dann winkt das zu Hause. Ein paar hundert Meter vorher vibriert meine Pulsuhr und gibt mir zu verstehen, dass wir die 17 geschafft haben. Ich sage ihr: „Du kannst aufhören, die 15 haben wir“.

Doch was macht meine liebe Laufpartnerin? Biegt ab und nimmt eine Extrarunde. Die vermeintlichen 16 will sie schaffen. Koste es, was es wolle….

Bei 18 Kilometern laufen wir auf den Hof. Gerade vorher rief Schatzi an und fragt nach unserem Verbleib. Mit so einer langen Strecke hat er natürlich auch nicht gerechnet. Ich sage zu ihm: Schau aus dem Fenster, wir laufen gerade auf den Hof.

Er kommt raus und ich rufe ihm zu: „Du kannst Gudrun gratulieren, sie ist gerade 18 Kilometer gelaufen“. Ein ungläubiges Strahlen geht über ihr erschöpftes Gesicht….

Schnell rein, hinsetzen und etwas trinken. Sehr erschöpft aber doch glücklich.

 

nach dem Lauftraining

 

Das wirklich dumme an der Verlängerung der Laufstrecke ist ja, dass man das am Ende, also wenn man ohnehin kaputt ist und aufhören möchte, tun muss. Am Anfang einer Laufstrecke wäre es leichter….

Voller Stolz wird erst einmal die „weiteste Strecke ever“-Marke auf unserem Motivationsplakat auf die 18 Kilometer-Marke gesetzt. Nun sind es nur noch drei mehr. Bis Halbmarathon. Bis New York März 2018.

 

Motivationsplakat - nur noch drei Kilometer bis Halbmarathon

 

Mehr zu unserem Motivationsplakat findet Ihr übrigens hier.

 

 

 

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